Die Frage kommt in fast jeder Sprechstunde: bremst der Schnuller das Sprechen?

Und da liegt der interessante Punkt. Die deutsche Linie setzt deutlich früher an als die amerikanische, die erst ab zwei bis vier Jahren von Auswirkungen auf den Kiefer spricht. Beide meinen dasselbe Kind, aber sie ziehen die Grenze woanders.

Kurzübersicht

FrageWas belegt ist
Schnuller zum EinschlafenKann das Risiko des Plötzlichen Kindstods senken (BIÖG)
Start beim StillenFrühestens nach der zweiten oder dritten Lebenswoche, damit sich das Stillen einspielt (BIÖG)
Stunden tagsüber im MundDas einzige gefundene Sprech-Signal hängt an der Häufigkeit tagsüber, nicht an der Gesamtdauer in Monaten
MittelohrentzündungenErhöhtes Risiko, mehrfach bestätigt; Begrenzung aufs Einschlafen senkte die Zahl der Episoden
Zähne und KieferIn Deutschland gilt: nach dem ersten Lebensjahr möglichst nicht weiter (BIÖG); die AAP nennt erst 2 bis 4 Jahre
Praktischer WegAb etwa dem ersten Geburtstag nur noch zum Schlafen, danach schrittweise raus (unsere Regel, aus den Quellen unten abgeleitet)

Verzögert ein Schnuller das Sprechen?

Wahrscheinlich nicht von sich aus, und zur ehrlichen Fassung dieses Satzes gehört, wie dünn die Datenlage ist.

Die genaueste Untersuchung zu Sprechlauten hat 100 britische Kinder zwischen 24 und 61 Monaten einbezogen. Die Eltern gaben an, wie lange und wie oft ihr Kind einen Schnuller benutzt, danach wurde die Phonologie mit einem standardisierten Test geprüft. Für die meisten Sprechergebnisse gab es keinen signifikanten Zusammenhang, wie auch immer der Schnullergebrauch gemessen wurde. Ein Zusammenhang zeigte sich doch: mehr atypische Sprechfehler bei Kindern, die tagsüber häufiger nuckelten. In der älteren Hälfte der Stichprobe, oberhalb von 38 Monaten, war er nicht mehr zu sehen, was damit vereinbar ist, dass sich diese Fehler mit der Zeit von selbst zurückbilden. Das Fazit der Autoren ist der Satz, den man mitnehmen sollte: die Evidenzbasis für irgendeinen Effekt des Schnullers auf das Sprechen ist sehr klein (Strutt u. a., 2021).

Die Studie, mit der Eltern meist konfrontiert werden, ist älter und kleiner. Eine Querschnittsbefragung von 128 Kindergartenkindern in Punta Arenas in Chile fand etwa dreifach erhöhte Chancen für eine Sprechstörung bei Kindern, die drei Jahre oder länger genuckelt hatten, mit einem Konfidenzintervall von 1,08 bis 10,81 (Barbosa u. a., 2009). Ein so breites Intervall ist eine Studie, die selbst sagt, dass sie unsicher ist. Und sie kann Ursache und Wirkung nicht trennen: ein Kind, das schwer zur Ruhe kommt, behält den Schnuller vielleicht länger, aus Gründen, die mit dem Schnuller nichts zu tun haben.

Der Mechanismus, den sich Eltern vorstellen, ein Stück Silikon, das die Zunge dauerhaft umerzieht, ist also nicht gut gezeigt. Praktisch gesehen bedeutet ein Schnuller im Mund auch weniger Gelegenheiten zum Brabbeln und zu Wortversuchen, auch wenn Studien bisher nicht gezeigt haben, dass genau dieser Mechanismus eine Sprachverzögerung verursacht. Wie sich diese Gelegenheiten füllen lassen, steht in unserem 7-Tage-Plan, um dein Kind zum Sprechen anzuregen.

Der Weg über das Ohr ist besser belegt

Hier hört die Forschung auf, vorsichtig zu formulieren.

Eine finnische Studie hat 14 Kinderkliniken randomisiert. In der Hälfte wurden die Pflegekräfte geschult, Eltern von Kindern unter 18 Monaten zur Begrenzung des Schnullers zu beraten. Der dauerhafte Schnullergebrauch sank um 21 Prozent, und die akuten Mittelohrentzündungen pro Personenmonat lagen in den Interventionskliniken 29 Prozent niedriger. Kinder ohne dauerhaften Schnullergebrauch hatten 33 Prozent weniger Episoden (Niemelä u. a., 2000). Eine niederländische Kohorte mit 495 Kindern unter vier Jahren ergab ein bereinigtes Odds Ratio von 1,9 für wiederkehrende Mittelohrentzündungen, Konfidenzintervall 1,1 bis 3,2, während der Unterschied für eine einzelne Episode nicht signifikant war (Rovers u. a., 2008).

Auch das BIÖG nennt das erhöhte Risiko für Mittelohrentzündungen direkt neben den Zahnfehlstellungen als Grund, den Schnuller nach dem ersten Lebensjahr auslaufen zu lassen.

Jetzt verbinde die Punkte so, wie eine Logopädin sie verbindet. Flüssigkeit, die immer wieder im Mittelohr steht, bedeutet schwankendes Hören, und zwar genau in den Monaten, in denen ein Kind Laute mit Bedeutungen verknüpft. Das ergibt einen plausiblen indirekten Weg, über den der Schnuller die Sprache beeinflussen könnte: über das Ohr, und nicht zwangsläufig über die Zunge. Was in diesen Monaten normalerweise passiert, steht in Wann fangen Babys an zu sprechen.

Und achte darauf, was die finnische Studie tatsächlich verändert hat. Nicht "kein Schnuller". Begrenzung auf das Einschlafen.

Was langes Nuckeln mit den Zähnen macht

Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte formuliert es praktisch: solange nur Milchzähne da sind, bildet sich ein durch den Schnuller verformter Kiefer meist von selbst zurück. Wenn das Nuckeln länger bleibt, drohen bleibende Gebissschäden und Zahnfehlstellungen (Kinderärzte im Netz). Die amerikanische Kinderärztevereinigung setzt die Schwelle bei kräftigem Nuckeln über zwei bis vier Jahre hinaus und ergänzt den beruhigenden Teil: wer vor dem Durchbruch der bleibenden Schneidezähne aufhört, hat gute Chancen, dass sich der Biss von selbst korrigiert (AAP).

Die deutschen Quellen sind sich beim genauen Alter selbst nicht einig, und das ist keine Schwäche des Artikels, sondern der Stand der Sache. Das BIÖG sagt "nach dem ersten Lebensjahr möglichst nicht weiter". Ältere Stellungnahmen des BVKJ gehen noch weiter zurück. Was alle teilen: früher ist einfacher, und der Daumen ist keine Verbesserung.

Eine kleine Sache noch, die nichts kostet. Tauche den Schnuller nie in etwas Süßes (NHS). In gar nichts.

Schnuller zum Einschlafen ist eine eigene Frage

Halte die zwei Beweislagen getrennt, sonst wird der Rat widersprüchlich.

Zum Schlafen gilt: Untersuchungen deuten darauf hin, dass ein Schnuller speziell zum Einschlafen das Risiko des Plötzlichen Kindstods senken kann. Wenn du stillst, biete ihn erst an, nachdem sich das Stillen eingespielt hat, also frühestens nach der zweiten oder dritten Lebenswoche (BIÖG). Nichts in der Sprechforschung spricht dagegen. Die nächtliche Nutzung war in den Daten von Strutt nicht der Teil, der mit atypischen Fehlern zusammenhing.

Für die ersten Wochen steht der Rest davon in Schlaf beim Neugeborenen, und wie sich Einschlafgewohnheiten über die ersten zwei Jahre verschieben, in Babyschlaf 0 bis 2 Jahre.

Wann reduzieren, wann abgewöhnen

Zähle nicht, ob der Schnuller "erlaubt" ist. Zähle die Wachstunden, die er im Mund verbringt. Zwei Kinder können beide "Schnullerkinder" heißen und meilenweit voneinander entfernt sein.

Die Zwischenschritte sind unsere Lesart der Quellen, keine amtliche Zahl. Die festen Anker sind die BIÖG-Linie nach dem ersten Lebensjahr und der finnische Befund zur Begrenzung aufs Einschlafen.

Typische Fehler beim Abgewöhnen

Die deutschen Klassiker beim Abgewöhnen funktionieren übrigens, weil sie den Schnuller langsam unattraktiv machen: mit einer Nadel ein Loch einstechen, sodass bei jedem Zug Luft entweicht, oder ein Lutschkalender, in dem jeder Tag ohne markiert wird. Und die Schnullerfee, die nachts kommt und morgens ein kleines Geschenk dalässt (Kinderärzte im Netz).

In jedem Haushalt gibt es diesen einen Notschnuller in der Autotürablage, halb voller Krümel, hervorgeholt um 16:40 an der Supermarktkasse. Der beweist nichts über irgendjemanden. So laufen Wochen.

Wann du Hilfe holst

Sprich es bei der nächsten U-Untersuchung an. In Deutschland ist die Kinderarztpraxis der erste Weg, und sie stellt bei Bedarf die Verordnung für Logopädie aus. Melde dich früher, wenn einer der folgenden Punkte zutrifft:

Ein Hörtest kommt vor jeder Schnullerdiskussion. Jedes Mal.

Ob der Schnuller überhaupt eine Rolle spielt, siehst du erst vor dem Hintergrund dessen, was in diesem Alter sprachlich dran ist. Diesen Bogen von den ersten Lauten bis zu ganzen Sätzen zeichnet Sprachentwicklung beim Kleinkind.

Häufige Fragen

Bekommt mein Kind durch den Schnuller einen Sprachfehler?

Dafür gibt es keine gute Evidenz. Der einzige Sprechbefund in der solidesten Studie war eine höhere Zahl atypischer Fehler bei jüngeren Kindern, die tagsüber häufig nuckelten, und in der älteren Hälfte der Stichprobe war dieser Befund weg. Bleibt eine Auffälligkeit über vier Jahre hinaus, lass sie abklären, statt den Schnuller verantwortlich zu machen.

Ist der Schnuller nachts schlecht für die Sprache?

Die nächtliche Nutzung war in den Daten von Strutt nicht der Teil, der mit Sprechfehlern zusammenhing, sondern die Häufigkeit tagsüber. Dazu kommt der Nutzen beim Einschlafen für das Risiko des Plötzlichen Kindstods. Wenn du den Schnuller irgendwo behältst, behalte ihn für die Nacht.

Ab welchem Alter soll der Schnuller weg sein?

In Deutschland heißt die Empfehlung: nach dem ersten Lebensjahr möglichst nicht weiter verwenden. Die AAP zieht die Grenze für Kieferveränderungen erst bei zwei bis vier Jahren. Wer sich am früheren Datum orientiert, macht nichts falsch, und es ist leichter durchzuhalten.

Ist Daumenlutschen besser als der Schnuller?

Nein. Für das Gebiss gilt der Finger als schlechter, und er hat den praktischen Nachteil, dass er immer verfügbar ist. Die chilenische Befragung fand auch beim Fingerlutschen etwa dreifach erhöhte Chancen für eine Sprechstörung. Deshalb den Schnuller langsam reduzieren statt ihn plötzlich wegzunehmen.

Mein Kind spricht wenig und nuckelt viel. Was zuerst?

In dieser Reihenfolge: Hören prüfen lassen, die Tagesnutzung kürzen, und parallel logopädische Abklärung, ohne auf die Wirkung der Schnullerpause zu warten. Der Schnuller wegzunehmen ist keine Therapie, und eine Verzögerung wartet nicht.

Wirkt sich der Schnuller auf den Wortschatz aus?

Es gibt Arbeiten, die bei intensiver früher Nutzung von kleinerem Wortschatz und schwächeren späteren Werten berichten, aber sie sind korrelativ und fachlich umstritten. Darauf lässt sich keine Entscheidung bauen. Belastbar ist der Zusammenhang mit Mittelohrentzündungen.

Wie KidyGrow dir hilft

Das Schwierige an dieser Entscheidung ist nicht die Forschung. Es ist, dass die Antwort von der echten Woche deines Kindes abhängt, und niemand erinnert sich an die echte Woche seines Kindes.

Sag KidyGrow, dass der Schnuller ab jetzt nur noch zum Schlafen kommt. Die App merkt sich das und hört auf, dir die allgemeine Fassung zu geben. Am ersten Tag steht da vielleicht "versuche, die Schnullerzeit tagsüber zu kürzen". In der zweiten Woche, mit deinen Notizen zu Wachfenstern, Ohrbeschwerden und dem Zubettgehen, klingt der Tagesüberblick eher so: "die zwei schwersten Abende folgten auf Nachmittage mit mehr Schnuller, und an beiden Tagen lief die Nase." So eine Verbindung kann ein erschöpftes Elternteil über vierzehn Tage nicht im Kopf halten. Die App kann es, und das ist der größte Teil der Arbeit.

Drei bis fünf Tage Kontext braucht die App, bevor sie etwas Lesenswertes sagt, und manchmal findet sie kein nützliches Muster. Manche Wochen sind einfach nur Schnupfen und Pech.

Was sich ändert, ist klein und konkret: der Morgen beginnt nicht mehr mit "war gestern schlimm oder fühlt es sich nur so an?".

Quellen

  1. Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG), kindergesundheit-info.de, "Senkt ein Schnuller beim Schlafen das Risiko des Plötzlichen Kindstodes?" - kindergesundheit-info.de
  2. Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte, Kinderärzte im Netz, "Schnullerentwöhnung" - kinderaerzte-im-netz.de
  3. Strutt C, Khattab G, Willoughby J. "Does the duration and frequency of dummy (pacifier) use affect the development of speech?" Int J Lang Commun Disord. 2021;56(3):512-527 - PubMed
  4. Barbosa C, Vasquez S, Parada MA u. a. "The relationship of bottle feeding and other sucking behaviors with speech disorder in Patagonian preschoolers." BMC Pediatr. 2009;9:66 - PubMed
  5. Niemelä M, Pihakari O, Pokka T, Uhari M. "Pacifier as a risk factor for acute otitis media: a randomized, controlled trial of parental counseling." Pediatrics. 2000;106(3):483-488 - PubMed
  6. Rovers MM, Numans ME, Langenbach E u. a. "Is pacifier use a risk factor for acute otitis media? A dynamic cohort study." Fam Pract. 2008;25(4):233-236 - PubMed
  7. American Academy of Pediatrics, "Baby Pacifiers & Thumb Sucking" - healthychildren.org
  8. NHS, "Looking after your baby's teeth" - nhs.uk